Arzneimittelversorgung unter Druck: Pharmaausschuss fordert Kurskorrektur Richtung „Made in Europe“
Wenn nur der günstigste Preis zählt, zahlt am Ende die Versorgung.
Wien (OTS) – Die anhaltenden Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind kein Zufall und kein kurzfristiges Phänomen. Im Pharmaausschuss des Fachverbands der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO) diskutierten führende Vertreter innovativer und generischer Pharmaunternehmen die strukturellen Ursachen und notwendige Konsequenzen. Die zentrale Erkenntnis: Das derzeitige System priorisiert Kostendämpfung, während Versorgungssicherheit kein gleichrangiges Ziel ist.
Der FCIO spricht sich daher für eine Weiterentwicklung der Preis- und Erstattungsmechanismen aus. Europäische Fertigung und belastbare Lieferketten dürfen nicht länger als nachrangige Faktoren behandelt werden, sondern müssen bei der Erstattung eingepreist werden, wie es auch das von der EU geplante „Made in Europe“-Prinzip vorsieht. „Die Politik muss sich entscheiden, was Priorität hat“, betont Sylvia Hofinger, Geschäftsführerin des FCIO. „Dauerhafter Preisdruck und stabile Lieferketten schließen einander aus. Wenn wir weiterhin Investitionen und Produktion in der EU halten wollen, müssen die höheren Standortkoste im Vergleich zum asiatischen Mitbewarb bei der Preisgestaltung berücksichtig werden.“
Die EU hängt mittlerweile stark von asiatischen Pharmawirkstoffimporten ab, bereits 80-90 % der weltweiten Wirkstoffproduktion befindet sich in Asien – hauptsächlich in China und Indien. Fällt ein Standort durch Qualitätsprobleme, protektionistische Eingriffe oder geopolitische Spannungen aus, wirkt sich das unmittelbar auf die Versorgung in Europa aus. Um zu den niedrigen Preisen anbieten zu können, mussten Lagerhaltung und Produktionskapazitäten über Jahre auf ein Minimum reduziert werden. Das System hat sich dadurch auf Effizienz getrimmt, nicht auf Belastbarkeit.
Preisdruck trifft Generika und Innovation gleichermaßen
Im Generikabereich führt der anhaltende Margendruck zu Marktaustritten und einer zunehmenden Konzentration auf wenige Anbieter. Aber auch innovative Arzneimittel stehen unter Druck: Langwierige Verfahren, komplexe Erstattungsmechanismen und wirtschaftliche Unsicherheit bremsen Investitionen und erschweren die Planung neuer Produktionskapazitäten in Europa. „Wir diskutieren seit Jahren über den günstigsten Preis, aber zu selten, wie sich dies auf die Stabilität der Versorgung auswirkt“, betont Hofinger. „Wer Preise bis an die Schmerzgrenze drückt, riskiert Engpässe.“
Die aktuellen Engpässe sind kein Betriebsunfall, sondern das Ergebnis struktureller Fehlentwicklung. Wenn Österreich auch künftig eine verlässliche Arzneimittelversorgung sicherstellen will, müssen die oben beschriebenen Ursachen der Lieferengpässe behoben werden. Symptombehandlung am Ende der Lieferkette, wie sie etwa durch kostenintensive Bevorratungsverpflichtungen ist auf lange Sicht kontraproduktiv.
