Dreiländertagung 2026: Kunststoffindustrie fordert Kurswechsel in Europa
Verbände aus Deutschland, Österreich und der Schweiz drängen auf weniger Bürokratie, wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen und eine Stärkung der europäischen Wertschöpfung.
Die kunststoffverarbeitende Industrie aus Deutschland, Österreich und der Schweiz fordert einen Kurswechsel in der europäischen Industriepolitik. Bei ihrer Dreiländertagung von 23. bis 25. September in Salzburg verständigten sich die Branchenverbände auf gemeinsame Forderungen, um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken und industrielle Wertschöpfung in Europa zu sichern.
EU-Regulierung: Komplexität erreicht ihre Grenzen
Die Verbände fordern einen konsequenten Bürokratieabbau auf EU-Ebene. Als Beispiel nennen sie die EU-Verpackungsverordnung (PPWR): Während die entsprechende Schweizer Regelung zwölf Seiten umfasst, zählt die EU-Verordnung 124 Seiten. Hinzu kommen mehr als 30 ergänzende Rechtsakte. Auch bei der Gebäudeeffizienzrichtlinie und der Altfahrzeugverordnung sehen die Branchenvertreter erheblichen Vereinfachungsbedarf. „Die EU schafft zunehmend Regelwerke, die so komplex sind, dass Unternehmen sie kaum noch rechtssicher umsetzen und Behörden sie nicht vollständig vollziehen können. Die Verpackungsverordnung muss deshalb zielgenau korrigiert werden. Wir brauchen Vorschriften, die in der betrieblichen Praxis funktionieren“, erklärt Martin Engelmann, Vertreter des deutschen Verbandes.
Hohe Produktionskosten gefährden Wettbewerbsfähigkeit
Die kunststoffverarbeitende Industrie im DACH-Raum hat im internationalen Vergleich mit erheblichen Kostennachteilen zu kämpfen. Besonders deutlich zeigt sich das bei den Energiepreisen: Gas ist in Europa rund fünfmal so teuer wie in den USA, Strom in Österreich mehr als doppelt so teuer wie in Spanien oder Portugal. „Unsere Unternehmen konkurrieren auf internationalen Märkten, produzieren aber zu deutlich höheren Kosten. Europa muss endlich für wettbewerbsfähige Energiepreise sorgen, damit Investitionen und industrielle Wertschöpfung nicht zunehmend an andere Standorte abwandern“, betont Helmut Schwarzl, Obmann der kunststoffverarbeitenden Industrie Österreichs.
„Made in EU“: Schweiz darf nicht außen vor bleiben
Die Verbände begrüßen Initiativen zur Stärkung der europäischen Produktion, etwa im Rahmen des Industrial Accelerator Act. Die Schweiz zählt neben USA, China und dem Vereinigten Königreich zu den vier wichtigsten Handelspartnern der EU und ist eng in europäische Wertschöpfungsketten eingebunden. „Eine europäische Industrieoffensive darf die Schweiz nicht ausschließen. Unsere wirtschaftliche Verflechtung muss sich auch in der handelspolitischen Ausgestaltung von ‚Made in EU‘ widerspiegeln. Neue Förderinstrumente dürfen diese Zusammenarbeit nicht erschweren“, so Patrick Semadeni, Vizepräsident von Kunststoff Swiss.
Kreislaufwirtschaft statt Ressourcenverlust
Auch im für das vierte Quartal 2026 angekündigten Circular Economy Act sehen die Verbände eine Chance, die europäische Kreislaufwirtschaft voranzubringen. Sie fordern darin ein EU-weites Verbot der Deponierung von Kunststoffabfällen. „Kunststoffabfälle sind wertvolle Rohstoffe, die wir in Europa dringend brauchen. Sie auf Deponien zu entsorgen, ist weder ökologisch noch wirtschaftlich sinnvoll. Mit einem europaweiten Deponierungsverbot können wir mehr Materialien im Kreislauf halten und unsere Abhängigkeit von Rohstoffimporten verringern“, betont Frank Böhler, Bundesinnungsmeister der gewerblichen Kunststoffverarbeiter.
Die Dreiländertagung macht deutlich: Entscheidend ist nun, dass aus europäischen Industrieinitiativen konkrete Verbesserungen für die Betriebe werden. Nur wenn Investitionen wieder attraktiver werden, können Produktion, Innovation und industrielle Wertschöpfung langfristig in Europa gesichert werden.

